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Overrun of the feelings



Tom hatte das Gefühl, dass es im Laufe des Nachmittags noch heißer geworden war, als er das Haus verließ und sich eine Zigarette anzündete. Sie hatten vorhin Sport gehabt und draußen laufen müssen. Doch er hatte schon nach drei Runden aufgehört, weil es einfach zu heiß gewesen war. Zuhause war er sofort unter die eiskalte Dusche gesprungen, allerdings war er auch danach noch fast eingegangen bei der Hitze. Normalerweise wäre er allein deshalb für den Rest des Tages zu Hause geblieben, doch er wollte unbedingt noch bei Natalie vorbei schauen. Sie war heute nicht in der Schule gewesen und er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie ihn mal besuchen war als er mit Fieber im Bett gelegen hatte. Außerdem wollte er sich noch bei ihr für seine nervige Art entschuldigen, das hatte er sich vorgestern schon fest für heute vorgenommen, aber da sie nicht in der Schule gewesen war, musste er sie wohl oder übel besuchen gehen.

An der Bushaltestelle schnippte er die aufgerauchte Zigarette beiseite und stieg in den Bus ein, der gerade angefahren kam. Einige Leute kannte er und begrüßte sie kurz, setzte sich dann aber in eine leere Sitzreihe ans Fenster und zog seinen Ipod aus seiner Hosentasche, um sich von Samy Deluxe berieseln zu lassen, während er der Innenstadt immer näher kam. Wie sooft in den letzten Tagen glitten seine Gedanken zu Natalie. Er hatte gestern mit Bill geredet und der hatte ihm doch tatsächlich klar zu machen versucht, dass er mehr als nur einfachen Sex von Natalie wollte, wenn er wirklich schon beim Sex mit einer anderen, an sie dachte. Tom musste schmunzeln. Er und Liebe? Soweit er sich erinnern konnte, war er in den sechzehn Jahren, die er jetzt lebte, noch kein einziges Mal verliebt gewesen und er konnte sich kaum vorstellen, dass das, was er für Natalie empfand, irgendetwas mit Liebe zu tun hatte. Lediglich gute Freundschaft und körperliche Anziehung, mehr war da definitiv nicht.

An der Haltestelle in Natalies Straße, zog er sich die Stöpsel seines Ipods aus den Ohren, schob sich das Gerät in die weite Hosentasche und stieg hinter ein paar anderen Leuten aus. Er musste nicht lange laufen, bis er an dem Haus ankam. Es war eine Mietswohnung, die Natalie und ihre Eltern schon seit mehreren Jahren bewohnten. Mitsamt Küche und Bad hatte sie drei große geräumige Zimmer und Tom fand, dass sie wirklich hübsch eingerichtet war. Er war zwar erst ein paar Mal bei ihr gewesen, aber soweit hatte er sich schon überzeugen können. Als er vor der Haustür ankam, zog er noch seine Basecape zurecht und zog seine Hose ein Stück weiter hoch, ehe er bei „Rascher“ klingelte.
„Ja bitte?“, ertönte kurz darauf eine männliche Stimme aus dem Lautsprecher über den Klingelknöpfen.
„Ja...ähm...hallo, hier ist Tom.“, erwiderte er und legte die Hand schon an den Türknauf.
„Ich mach auf.“
Daraufhin surrte es vernehmlich und Tom betrat das herrlich kühle Treppenhaus. Er stiefelte die Treppen hoch bis in den vierten Stock und wurde an der Tür schon von Herr Rascher erwartet.
„Na Tom. Sieht man dich auch mal wieder?“, er reichte ihm die Hand und zog ihn dabei leicht mit sich in die Wohnung.
„Ja, ist schon etwas länger her, ich weiß.“, entgegnete Tom und zog die Hosenbeine etwas höher, um aus seinen Schuhen zu schlüpfen.
„Natalie ist in ihrem Zimmer, Nora ist auch da.“, erklärte er und verschwand wieder im Wohnzimmer, als Tom auf die hinterste Tür im Flur zuging, an der ein riesiges Poster von P!nk hing.

Als er die Klinke herunterdrückte und die Tür aufschob, fiel sein Blick sofort auf Natalie und Nora, die auf Natalies großem Himmelbett saßen und sich in den Armen lagen. Natalie hatte die Augen geschlossen, doch Tom sah direkt, dass sie weinte, als er weiter auf sie zuging. Als Natalie Tom bemerkte, löste sie sich erschrocken aus Noras Armen und drehte ihr Gesicht zur Seite, um sich die Tränen von den Wangen zu wischen.
„Was machst du denn hier?“, fragte sie mehr genervt, als überrascht und wandte sich ihm wieder zu.
Tom hatte mit der Reaktion gerechnet, sie war schließlich am PC schon abgeneigt gewesen. Er setzte ein paar Schritte ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich, ehe er sich den beiden Mädels wieder zuwandte und verunsichert seine Basecape etwas richtete. Nora strich Natalie nur stillschweigend über den Rücken und drückte ihre Hand, während auch sie Tom genau fixierte.

„Ich wollte gucken, wie’s dir geht, weil du heute nicht in der Schule warst.“, erklärte er und ging ein paar Schritte aufs Bett zu. „Naja und eigentlich wollte ich noch mit dir reden.“
„Ach reden.“, sie lachte verheult auf und wischte sich erneut über die geröteten Wangen. „Reden auf deine Art oder auf die normale Weise?“, sie sah ihn aus tränenerfüllten Augen an.
„Man, Natalie. Ich-“
„Ich bin kurz auf Toilette.“, warf Nora ein und sprang mit einem entschuldigenden Blick, an Natalie gerichtet, vom Bett und verließ das Zimmer.

Tom ging langsam auf das Bett zu und setzte sich auf die Kante, gut darauf bedacht, Natalie nicht zu nahe zu kommen, schließlich war er wirklich nur zum Reden hier und das wollte er beim besten Willen auch durchziehen.
„Was ist los?“, fragte er und warf ihr einen fragenden Blick zu, dem sie direkt auswich. Tom konnte mit weinenden Mädchen nicht umgehen, es machte ihn selbst immer furchtbar traurig, grade wenn er die Person kannte.
„Was soll los sein?“
„Ähm...ich meine, du weinst, es muss doch irgendwas sein.“, verunsichert kratzte er sich am Hinterkopf.
„Nein ich- ach das geht dich doch gar nichts an.“, fauchte sie, beugte sich auf die andere Seite des Bettes und zog sich ein Taschentuch aus der Tücherbox, die auf ihrem Nachtisch stand. Schniefend wischte sie sich damit unter den Augen entlang, um weitere Tränen aufzufangen.

„Was wolltest du denn reden?“, fragte sie schließlich genervt, als Tom sie die ganze Zeit nur stumm ansah und sich fragte, weshalb sie weinte.
Er seufzte.
„Vielleicht solltest du dich erstmal beruhigen.“, sagte er ruhig, doch sie verdrehte nur abwartend die geröteten Augen.
„Hab ich dir eigentlich irgendwas getan?“, fragte er, diesmal etwas lauter. Auch ihm fehlte irgendwann einfach die Geduld und wenn sie ihn so mies und ohne jeglichen Grund anfauchte erst recht.
„Keine Angst, ich heule nicht wegen dir.“, motzte sie.
„Gut, dann kannst du ja jetzt aufhören.“, gab er kühl zurück.
„Sag mal, wie unsensibel bist du eigentlich?!“, fauchte sie aufgebracht und wieder rannen ihr einzelne Tränen, dieses Mal jedoch mehr aus Wut, die Wangen hinab.
„Jaa, ich bin so unsensibel! Weißt du, eigentlich wollt ich mich entschuldigen, aber wenn du so abgehst, geh ich lieber, bevor du mich noch irgendwie angreifst oder so.“, schnaubte er und stand vom Bett auf. „So viel zum Thema Freunde!“
„Genau Tom, FREUNDE! FREUNDE!!“, auch sie sprang abrupt vom Bett auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. „Kein Fickpärchen und nix mit Beziehung, einfach Freunde, Tom. Sag mir nicht, was Freundschaft bedeutet! Du bist der Letzte, der das definieren kann! Du bist doch viel zu egoistisch für Freundschaft!“, fuhr sie ihn aufgebracht an und zog dabei die Stirn kraus.
„Ich hätt’ gar nicht herkommen sollen, toller Dank, echt.“
„ICH ICH ICH. Denkst du vielleicht auch mal an mich?!“, kreischte sie.
„Wär ich sonst hier?!“, Tom schüttelte fassungslos den Kopf. So extrem hatte er sich noch nie mit Natalie gestritten. „Hör zu, ich geh einfach wieder, das bringt’s echt nicht.“

„Ja, schön, verschwinde. Denk wieder nur an dich.“, flüsterte sie mit erstickter Stimme.
„Was soll ich denn machen, wenn du mich hier so anzickst? Es bringt doch ni-“
„Warum wolltest du dich entschuldigen?“, schnitt die Blonde ihm nun erstaunlich ruhiger als zuvor das Wort ab und wischte sich über die feuchten Wangen. Ihre Haare waren ein wenig verwuschelt, doch sie sah wie immer unglaublich hübsch aus.
„Ach...“, er winkte ab, er sah keinen Sinn mehr in dieser Diskussion.
„Wofür wolltest du dich entschuldigen Tom?“, fragte sie schärfer und hielt ihn am Arm fest, als er sich zum Gehen aufmachen wollte.
„Ich Egoist wollte mich dafür entschuldigen, dass ich dich so bedrängt hab, in der Bücherei und so, aber weil ich so egoistisch bin, wollte ich das eigentlich doch nicht tun.“, gab er knapp und sarkastisch zurück und löste sich aus ihrer nachlassenden Umklammerung.
„Und wegen noch was?“, fragte sie leise, als Tom schon die Tür öffnete.
„Hmm?“
„Wolltest du dich wegen noch was entschuldigen?“, hoffnungsvoll trafen ihre blauen Augen auf seine braunen.
Tom überlegte, was sie meinen könnte, doch er wusste nicht, worauf sie anspielte, gab es noch einen Grund, sich zu entschuldigen? Er schüttelte bloß den Kopf und Natalie senkte bedrückt den Blick, als er die Tür beim Hinausgehen hinter sich zuzog.

Im Flur stützte Tom sich mit den Armen an der Wand ab und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Er wusste nicht, ob es im Endeffekt doch gut gelaufen war, ob es vielleicht richtig war, das alles einmal raus zu lassen. Sie wusste nun, dass er sich hatte entschuldigen wollen, indirekt hatte er das ja sogar gemacht und er hatte verstanden, dass sie keine Lust aufs Vögeln mit ihm hatte. Vermutlich war sie mit den anderen Kerlen einfach in die Kiste gesprungen, weil sie nicht mit denen befreundet war. Eigentlich könnte er stolz darauf sein, er kannte Natalie wahrscheinlich besser als all diese Kerle zusammen und er würde sie im Laufe der Zeit noch weitaus besser kennen lernen. Das war für sie scheinbar mehr wert als irgendein One-Night-Stand.
Allerdings war es doch nicht das, was Tom wollte. Seufzend drückte er sich von der Wand weg und zog seine Hose ein Stück höher.

„Ich glaube das war nötig.“, ertönte es auf einmal hinter ihm und er fuhr erschrocken herum. Nora lehnte an der Wand, direkt gegenüber von Natalies Zimmer und lächelte ihn leicht an.
„Hmm...“, er erwiderte das Lächeln und nickte vernehmlich.
„Mach dir keine Sorgen, ihr kriegt das wieder hin, dafür hat sie dich einfach zu gerne.“
Tom wurde richtig warm ums Herz, als sie das sagte.
„Hoffentlich.“, er wandte sich von ihr ab und ging den Flur entlang zur Haustür, um in seine Schuhe zu schlüpfen, doch ehe er die Haustür öffnete, drehte er sich erneut zu der Braunhaarigen um, die gerade zurück in Natalies Zimmer wollte und bereits die Klinke herunterdrückte.
„Ach Nora?“
Jene hielt in ihrer Bewegung inne und wandte ihren Kopf fragend in seine Richtung.
„Hmm?“
„Warum hat sie geweint?“
Sie lächelte, als er das fragte, schüttelte aber bestimmt den Kopf.
„Vielleicht erzählt sie dir das selbst irgendwann mal.“
Daraufhin öffnete sie die Tür und ließ Tom alleine im Flur stehen.