WIR STERBEN NIEMALS AUS____by www.er.schossen.de.vu
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Kapitel 64

Als ich am nächsten Morgen von Bills Wecker geweckt wurde, spürte ich, wie Bill vorsichtig kleine Küsse auf meinem nackten Rücken verteilte und sachte an meinem Arm entlang fuhr, ehe er unter der Bettdecke hervorrutschte, eine halbe Ewigkeit in seinem Schrank zu kramen schien, um schließlich leise aus dem Zimmer zu schleichen. Das nächste Mal, als ich die Augen aufschlug, es war schon wesentlich heller draußen, hörte ich Bill hinter mir ächzen und musste, als ich mich zu ihm umdrehte, grinsend feststellen, dass er seinen Koffer nicht schließen konnte, weil er einfach zu voll gepackt war. Ein kleines Lachen konnte ich mir tatsächlich nicht verkneifen und Bill hob überrascht den Kopf.
„Du bist wach?“
„Nein, eine Halluzination.“, lächelte ich und kuschelte mich tiefer in die warme Bettdecke, die so gut nach meinem Freund roch. „Bist du böse, wenn ich nicht mitkomme?“
„Nö nö, wollte dich eh schlafen lassen.“, er ließ sich schwungvoll auf seinem Koffer fallen, drückte einzelne Stofffetzen zurück ins Innere und zog nun endlich die metallische Schnalle um.
„Dafür warst du etwas zu laut.“, grinste ich.
„Tut mir Leid.“, er guckte ganz schuldig und ich streckte leicht lächelnd eine Hand nach ihm aus, sodass er aufs Bett zukam und sich neben mich auf die Bettdecke legte.
„Zwei Wochen.“, flüsterte ich und er nickte kaum merklich.
„Wenn irgendwas ist, kannst du mich immer anrufen, auch wenn’s mitten in der Nacht ist.“, sagte er leise und strich mir eine verirrte Haarsträhne hinters Ohr. Langsam nickte ich, schloss die Augen, als er sich vorsichtig vorbeugte und sich unsere Lippen sanft aufeinander legten und ließ meine Hand sachte in seinem Nacken liegen.
„Biiill! Wir müssen looos.“, ertönte es von unten, Simone schien schon jetzt auf heißen Kohlen zu stehen.
„Jaaaa!“, schrie Bill zurück und küsste mich ein letztes Mal.
„Ich liebe dich.“, hauchte er, gab mir noch ein kleines Küsschen auf die Stirn und stand schließlich auf.
„Ich dich auch.“, lächelte ich und beobachtete, wie Bill den schweren Koffer hinter sich herzog und kurz darauf hinter seiner Zimmertür verschwand, allerdings nicht, ohne mir noch einen wahrhaftig bedrückten Blick zuzuwerfen.
„Zwei Wochen.“, flüsterte ich, ehe ich mich zurück ins Kissen kuschelte und mir erneut die Augen zufielen.

***


Fünf Tage später, saß ich in meinem Zimmer, um Hausaufgaben zu machen. Die Tage über war ich viel mit Tom und Julia unterwegs gewesen, hatte mich abgelenkt und hin und wieder mit Bill telefoniert. Ich vermisste ihn wirklich wahnsinnig dolle und zählte bereits die Tage, bis ich ihn wieder sehen würde. Acht Tage waren einfach noch zu lange, ich hätte ihn die Tage so unglaublich gerne bei mir gehabt und besonders heute sollte sich dieser Drang nach Bill noch verstärken.
Konzentriert schrieb ich einige Sätze in mein Deutschheft, als es leise an meiner Tür klopfte und meine Mutter herein lugte.
„Stör ich?“
„Nein, nein, schon okay.“, lächelte ich und legte den Stift beiseite. „Was gibt’s?“
„Ich wollte kurz mit dir reden.“, sie ließ sich langsam auf meinem Bett nieder und legte die Beine übereinander.
Ich nickte vernehmlich und wurde das Gefühl nicht los, dass meine Mutter auf eine ungewöhnliche Art nervös war.
„Ich habe heute mit jemandem telefoniert.“, fing sie scheu an. „Wir werden vermutlich Besuch bekommen in den nächsten Tagen.“
„Und von wem?“, fragte ich misstrauisch.
„Von einem Mann.“
„Hast du einen neuen Freund?“
„Nein nein, kein...kein neuer Mann, es geht hier wohl mehr um unsere Vergangenheit.“, sagte sie leise und ihr Blick traf den meinen. Mit großen Augen starrte ich sie an, konnte nicht glauben, dass sie so etwas wirklich wagte.
„Mein Vater?“, flüsterte ich, hoffte inständig, dass ich mich irrte.
„Ja, dein Vater, er hat gestern angerufen.“
„Bist du bescheuert?“, schrie ich, sprang panisch auf und wusste nicht, wohin mit mir. Tränen der Wut, der Trauer und vor allem aufgrund der aufsteigenden Angst bahnten sich ihren Weg über meine Wangen.
„Marie, bitte, es tut ihm Leid und er will es wieder gut machen.“, vorsichtig stand sie auf, ging langsam auf mich zu und streckte eine Hand nach mir aus.
„Fass mich nicht an!“, kreischte ich und schlug ihre Hand weg. „Das, was er gemacht hat, kann er nicht mit einem ‚Tut mir Leid’ wieder gut machen!“
„Das weiß ich, Marie, aber bitte versteh doch, dass es auch für mich nicht leicht war.“, verzweifelt machte sie wieder einen Schritt auf mich zu.
„Für dich war es nicht leicht? Für dich?!“
„Er war meine Liebe. Meine Liebe, die ich für dich verlassen habe.“, ihre Stimme wurde mit dem Satz immer kälter.
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. War sie wirklich so naiv und vor allem so egoistisch?
„Du kannst doch nicht nur an dich denken.“, warf ich ihr flüsternd vor.
„Ich denke nur an mich?“, sie lachte voller Kälte auf. „Die letzten eineinhalb Jahre habe ich wegen dir hier verbracht, ich habe ihn wegen dir verlassen, Marie. Das nennst du egoistisch?“
Verzweifelt rutschte ich an meiner Zimmerwand herab, das Zittern meiner Hände wurde zunehmend stärker und die Tränen rannen mir lautlos über die Wangen.
„Marie es wird alles wieder gut, wir starten einen Neuanfang.“, ihre Stimme wirkte wieder weitaus einfühlsamer. Sie hockte sich vor mich und legte eine Hand auf mein Knie, streichelte es locker. Ich schüttelte nur unaufhörlich den Kopf, sie konnte das unmöglich ernst meinen. Mein Leben schien sich mittlerweile zunehmend zu normalisieren, mit Bill lief alles wunderbar und dann tauchte mein Vater wieder auf? Das war doch ein Scherz. Hoffnungsvoll blickte ich meiner Mutter in die Augen.
„Steht das schon fest?“, hauchte ich mit brüchiger Stimme.
„Ja.“, sie nickte vorsichtig. „Er kommt morgen oder übermorgen.“
Ich spürte, wie Gänsehaut meinen Körper überzog, mein Zittern wurde bei dem Gedanken, meinem Erzeuger demnächst wieder gegenüber stehen zu müssen, unnatürlich stark.
„Dann werde ich gehen.“, sagte ich im nächsten Moment entschlossen. Wenn mein Vater herkommen würde, dann war es der einzige Ausweg, ihm aus dem Weg zu gehen.
„Marie, bitte. Wohin willst du denn gehen?“
„Irgendwo hin. Wenn du dich für ihn entschieden hast, hab ich hier nichts mehr zu suchen.“, ermutigt stand ich auf, zog meinen Schrank auf und holte meinen großen Koffer aus dem obersten Regal.
„Ich liebe euch doch beide, du darfst nicht gehen.“, nun fing auch sie an, zu weinen, zog mich an meinem Ärmel leicht zurück. Ruckartig drehte ich mich zu ihr um.
„Wenn du ihn lieben kannst, gut. Ich tu es nicht mehr und ob er dich wirklich noch liebt?“, schrie ich und meine Mutter schluchzte auf. „Der größte Liebesbeweis überhaupt, seiner eigenen Tochter seine Finger in die Muschi zu schieben!“, kreischte ich haltlos, bevor meine Mutter zum Schlag ausholte und mich so hart auf der Wange traf, dass ich zu Boden fiel. Erschrocken über sich selbst, drehte sie mir den Rücken zu und weinte unaufhörlich weiter.
Ohne ein weiteres Wort sprang ich auf, stürzte an meiner Mutter vorbei auf den Flur, die Treppe runter nach draußen. Meine Wange schmerzte und vermutlich war die Hand meiner Mutter deutlich darauf zu erkennen. Noch nie hatte sie mich geschlagen, noch nie war ihr die Hand ausgerutscht.
Wo sollte ich jetzt hin? Bill war nicht da, ich konnte unmöglich zu Tom gehen.

Auf dem Weg zu Julia zog ich mein Handy aus der Tasche und wählte Bills Nummer.
The person you’ve called is temporary not available
„Immer erreichbar, ist klar.”, flüsterte ich und schloss die Augen, als sich weitere Tränen lösten. Unaufhaltsam lief ich nach Magdeburg, lief ohne stehen zu bleiben und kam schließlich vollkommen verschwitzt bei Julia an. Zitternd drückte ich auf die Klingel.
„Ja bitte?“, ertönte die Stimme von Julias Vater.
„Hier ist Marie, ist Julia da?“
„Ach Marie, hallo. Nein, Julia ist nicht da, willst du auf sie warten?“
Fluchend stieß ich meine Hand gegen die kalte Mauer.
„Nein, nein ist schon okay.“, schluchzte ich und stieß mich von der Wand ab, um zurück zu laufen.
„Marie? Alles in Ordnung?“, ertönte es noch aus der Sprechanlage, doch ich war zu verzweifelt, um erneut zurück zu rennen.
Zitternd angelte ich beim Laufen mein Handy aus der Tasche, versuchte es nochmal bei Bill, der nach wie vor nicht zu erreichen war und wählte schließlich Toms Nummer.
„Marie?“
„Tom, bist du zu Hause?“, schluchzte ich, während ich ununterbrochen weiter lief.
„Ja, was ist los?“, fragte er besorgt.
„Kann ich...kann ich zu dir kommen?“, schwer atmend machte ich kurz Halt, wischte mir unter den Augen entlang und lehnte mich an eine Laternenstange.
„Klar, aber-“
„Nicht jetzt.“, daraufhin drückte ich ihn weg und rannte erneut los, die lange Hauptstraße entlang, um schließlich wieder nach Loitsche einzubiegen, auf dem Weg zu Bills Bruder.